Unterwegs in Sri Lanka!
08.10.2015

Bestimmt habt ihr es bemerkt. In den letzten zwei Wochen war es etwas ruhiger auf meinem Blog. Dies hat natürlich einen Grund. Ganz heimlich, still und leise habe ich Mitte August geheiratet und mich Ende September in die Flitterwochen verabschiedet. Zwei Wochen Sri Lanka, zwei Wochen ohne eine Schere in der Hand und Klebstoff auf der Hose. Nur Martin und ich, Sonne und Strand –- und jaaa, ok, mein Skizzenbuch und noch ein Bleistift. So ganz ohne Kreativ-Schnickschnack geht es dann eben doch nicht!

In einem Mix aus Nach-Hochzeitswahn und Abgabestress (zwei neue Bücher) habe ich es nur noch geschafft, einmal im Schnellverfahren durch den Reiseführer zu blättern, ein paar Klamotten in den Koffer zu schmeißen (mal wieder mehr Röcke als T-Shirts eingepackt) und in letzter Minute den Zug zum Flug abzufangen.

Nach 15 Stunden Reise sind wir in Colombo gelandet. Mit dem Bus ging es weiter nach Hikkaduwa, einem kleinen Örtchen ganz im Süden des Landes. Hier reihen sich verschlafene Hotels, Strandbars und Ayurvedastübchen entlang der Küste aneinander. Zu unserer Verwunderung sprach ein Großteil der Einheimischen Deutsch. Viele von ihnen waren schon in Deutschland (so sagten sie zumindest und verwiesen auf den Stadtteil „Köln“ in Hamburg, den sie mal besucht haben) oder haben Freunde und Bekannte die vor Jahren nach Deutschland ausgewandert sind. Schnell kam man so miteinander ins Gespräch und ehe wir uns versahen, wurden wir von unserem Lieblings Tuk-Tuk-Fahrer Ranshid zum Abendessen nach Hause eingeladen.

Bei Grillfisch, Hühnchen, Reis, Kartoffeln und Gemüse – wow, der Tisch brach vor Essen fast zusammen – erzählte er uns von seiner Familie. Von seinen vier Kindern und dem ersten Enkelkind, seinem Leben als Tuk-Tuk-Fahrer und vom 26.12.2004. Gott, wie konnte mir das nur entgehen, der Tsunami! Ranshid erzählte uns, wie seine Frau das Kleinste der vier Kinder in den Supermarkt geschickt hatte und sie verzweifelt nach ihr suchten, als die erste Welle das Dorf unter Wasser setzte. Sie fanden die Kleine im Tempel oberhalb des Dörfchens wieder, an dem auch der Rest der Familie Zuflucht gesucht hatte, denn die Dorfbewohner hatten das Kind in einen Bus gesetzt, der in Richtung Tempel fuhr. Ein großes Glück, denn in Ranshids Familie haben alle überlebt.

Am nächsten Tag fuhr uns Ranshid zum Tsunami-Museum am Ende des Dorfes. Es ging vorbei an einem Massengrab, an einer Gedenkstätte und an einem Buddha – ein Geschenk der Japaner nach dem Unglück. Das Museum selbst war auf den ersten Blick nicht als solches zu erkennen. Ein kleiner Eingang führte ins Innere eines halb eingebrochenen Hauses. Eine kleine zarte Frau, geschätzt in meinem Alter, nahm uns in Empfang. Sie erklärte uns, dass das Haus einst ihr gehörte und der Bereich in dem wir nun standen, vor elf Jahren noch ihr Wohnzimmer war. Nun hingen an den Wänden Fotos von Wasser, Leid, Verwüstung und Tod. Am 26.12.2004 meldete sich der Tsunami mit einer ein Meter hohen Welle an. Das Wasser überspülte die Straßen und Häuser. Die Frau berichtete uns, dass den Menschen im Dorf sofort klar war, dass etwas nicht stimmte. Sie beobachteten, wie sich das Meer fast einen Kilometer zurückzog. Nach zwanzig Minuten rollte eine zweite Welle mit einer Höhe von knapp 10 Metern über das Dorf. Für die Menschen, die es nicht mehr zum Tempel geschafft hatten, kam jede Hilfe zu spät. In dem kleinen Dorf verloren an diesem Tag 4.000 Menschen ihr Leben. Ein großer Teil von ihnen waren Kinder.

Als sich die Frau von uns verabschiedete, hielt sie ein Foto in der Hand; eine Momentaufnahme, die zeigte, wie die Wassermengen ein Haus niederrissen. Sie sagte: „Die Natur ist verrückt, aber nicht nur die Natur. Manchmal sind es auch die Menschen. Gerade passiert wieder so viel Schreckliches… Millionen von Menschen sind wieder heimatlos, durch Krieg und Vertreibung. Ich hoffe auch dieses Mal wird die Welt wieder helfen.“

Bei diesem letzten Satz hat es mich voll erwischt. Es war eine Bitte. Die Bitte um Hilfe und Anteilnahme an dem Schicksal anderer Menschen. Hilfe, die sie erfahren durfte und durch die sie die Kraft fand, die Trümmer des 26.12. beiseite zu räumen, um einen Neuanfang zu wagen.

In diesem Moment kam ich mir komisch vor. Meine einzige Sorge vor der Abreise war gewesen, mir über vorzeitige Hautalterung aufgrund der dortigen Sonneneinstrahlung Gedanken zu machen! Es ist schon so: Mit einem deutschen Pass in der Tasche vergisst man allzuleicht die Sorgen von Menschen in anderen Ländern Menschen, die beispielsweise ohne Krankenversicherung und Altersvorsorge auskommen müssen; die kein Geld haben und den Verlust ihrer Liebsten verarbeiten müssen. Welche Anstrengungen sie Tag für Tag auf sich nehmen! Ich habe mir nach zwei Wochen nur den Sand von den Füßen gewaschen, meine sieben Sachen zusammen gepackt und bin in meine Sneaker gesprungen, um den Heimweg anzutreten.

Jetzt bin ich zurück in Deutschland. Die Bilder und Geschichten gehen mir nicht aus dem Kopf. Die Bitten im Ohr. Die Gesichter der Kinder und die große Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Wir müssen helfen! Und zwar allen, die in Not sind!

Eure Jessi